#Shortcut Sonya Schönberger

Sonya Schönberger (*1975) verbindet in ihrer künstlerischen Praxis ihre Studien der Ethnologie und der Experimentellen Mediengestaltung. In ihrer künstlerischen Arbeit liegt ein Fokus auf der Suche nach Spuren des Zweiten Weltkriegs innerhalb der deutschen Geschichte und in individuellen Narrativen. Ihre Arbeiten basieren auf biografischen Erfahrungen von Zeitzeugen und wiedergefundenen Fragmenten. 

Die Künstlerin bedient sich bewusst und je nach Projekt unterschiedlicher Medien wie Fotografie, Theater, Film, Installation oder Audioformaten. Schönbergers Werk wurde in zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland gezeigt. Sie erhielt eine Vielzahl von Auszeichnungen und nahm an Förderprogrammen teil, u.a. vom Goethe Institut in Nairobi oder London. 2022 ist sie Stipendiatin der Villa Aurora in Los Angeles. Sonya Schönberger lebt und arbeitet in Berlin.

VTph editions: Sonya, du arbeitest seit vielen Jahren mit dem Sujet der Pflanze, du nutzt Kulturpflanzen, sowie Heilpflanzen oder Unkraut. Was fasziniert dich an dieser Auseinandersetzung? 

Ich arbeite seit vielen Jahren zudem mit dem Fokus auf Erinnerungen und Biografien. Das verfolge ich intensiv schon recht lang, aber nebenbei und auf dem Weg habe ich gemerkt, dass ich auch das oder die zu Wort kommen lassen will, die keine Stimme und nur eine kleine oder keine Lobby haben, aber doch alles Leben ausmachen. Pflanzen sind für menschliches Leben auf diesem Planeten verantwortlich. Sie bilden den Ursprung und sind die Quelle. Sie tragen die Weisheit und alles Wissen in sich, werden aber vor allem seit dem Beginn des industriellen Zeitalters oder aber schon vorher ab dem Beginn des Anthropozäns, das manche Forscher*innen schon im frühen 17. Jahrhundert sehen, hauptsächlich ausgebeutet. Man kann natürlich sagen, dass diese Ausbeutung wie zum Beispiel für medizinische Zwecke enorm wichtig ist, aber sicher findet grundsätzlich eine extreme Missachtung statt, denken wir nur an die globale Ernährungsindustrie, die größenwahnsinnige Ausmaße angenommen hat, bei weitem jeglichen Bedarf überschreitet und natürlich auch keine gerechte Verteilung auf der Welt findet. Wirtschaftlich orientierte Machtstrukturen haben längst alles Lebendige unterjocht. Dazu gehört Mensch, Tier und auch die Pflanze. Von daher versuche ich in meinen Arbeiten diese Aspekte, die erst einmal verschieden klingen mögen, doch als ineinander verwoben zu verstehen und auch auf einer gemeinsamen Ebene zu denken. 

VTph editions: Mit der Serie „Kenyan Roses for the Kingdom“ kommen auch noch ganz andere Aspekte zum Vorschein, wie Kolonialisierung, Migrationsbewegungen und die sozialen und ökologischen Auswirkungen von einseitiger landwirtschaftlicher Nutzung. Ist das dein roter Faden, der sich durch viele deiner Arbeiten zieht? 

Ja, das würde ich schon so sehen. In meinen biografischen Archiven, die ich immer wieder erarbeite, liegt oft der Fokus auf einem Bruch in dem, was man Lebensweg nennt. Dieser Bruch wird von Außen zugefügt, vielleicht durch politische oder soziale Umstürze, die sich immer unweigerlich auf Individuum auswirken und gegen die man sich nicht wehren kann. So ist es auch bei der Serie, die sich auf die Veränderung einer Gesellschaft und einer Landschaft bezieht. Die Gewalt, die hier über die Menschen, Tiere und Pflanzen gekommen ist, muss thematisiert werden. Die Arbeit besteht ja zum einen aus der Fotoserie, die hier zu sehen ist und erstmal vielleicht verspielt daherkommt. Aber dahinter steckt eine lange Recherche, die versucht, die bewusste Inkaufnahme von Leid, Armut, Ausbeutung bis zur Erschöpfung herauszuarbeiten. Hier gehe ich auch historisch vor, denn alles reicht natürlich in die Vergangenheit und ist aus unseren heutigen Perspektiven oftmals schwer nachzuvollziehen. Es geht in meiner Arbeit generell sicher immer wieder darum, Wege und Verknüpfungen aufzuzeigen, auch über sehr lange Zeiträume. Ich bin froh, dass ich das mit den Mitteln der Kunst versuchen kann und mich dem zum Beispiel nicht wissenschaftlich nähern muss. Ich glaube, dann wäre ich sehr unglücklich. 

VTph editions: Welche Arbeiten sind von dir in der aktuellen Ausstellung „UnNatural History“ im Museum The Herbert in Coventry, UK zu sehen? Erzähl´ uns mehr darüber. 

In der Ausstellung „UnNatural History“ ist die Arbeit „Company Art“ zu sehen: Ein dreißigminütiges Video, dass – ebenso wie die Arbeit über die kenianischen Schnittrosen – in London entstanden ist. Dort hatte ich das Glück, das mir die Linnean Society ihre Türen geöffnet hat. Die Linnean Society of London ist die älteste aktive Gesellschaft der Welt, die sich der Naturgeschichte widmet. Sie wurde 1788 gegründet und trägt den Namen des schwedischen Naturforschers Carl Linnaeus,(1707–1778), dessen botanische, zoologische und bibliothekarische Sammlungen seit 1829 hier gelagert sind. Diese sind von grundlegender Bedeutung für die Benennung von Pflanzen und Tieren. Innerhalb dieser Sammlungen befindet sich auch die botanischer Zeichnungen von dem Arzt Francis Buchanan-Hamilton (1762-1829), die er bei lokalen Künstlern in Auftrag gab während seiner Forschungsaufenthalte in Bangladesch, Indien, Nepal und Myanmar. Sie erscheinen besonders, da sie nicht dem westlichen Kanon entsprechen, denn sie wurden ja nicht von westlichen Zeichnern verfasst. Es war jedoch unüblich, lokale Menschen an Papier und Pinsel zu lassen. Natürlich inkludierte man in den meisten Fällen auch nicht deren Wissen zu bestimmten Pflanzen und übernahm schon gar nicht ihre Namensgebung. Das Video nähert sich diesen wunderschönen Zeichnungen an, in dem es über ihre Entstehung erzählt und die Geschichte von Buchanan-Hamilton einordnet.

 

Portrait & Studioansicht © Uwe von Loh

Sonya Schönberger „Kenyan Roses for the Kingdom“