© Daniela Comani, Berlin, Flughafen Tegel, aus der Serie “Planet Earth: 21st Century”, 2019

© Daniela Comani, Berlin, Flughafen Tegel, aus der Serie “Planet Earth: 21st Century”, 2019

© Kata Geibl: aus der Werkgruppe „Sisyphus“, 2018, Archival pigment prints

© Kata Geibl: aus der Werkgruppe „Sisyphus“, 2018, Archival pigment prints

Sanna Kannisto, Corduelis spinus, 2015, pigment print, 65 x 92 cm, Courtesy Persons Projects, Berlin

Sanna Kannisto, Corduelis spinus, 2015, pigment print, 65 x 92 cm, Courtesy Persons Projects, Berlin

Museum für Photographie Braunschweig

Illusionen der Beobachtung

Daniela Comani

Kata Geibl

Sanna Kannisto

Kuratorin Barbara Hofmann-Johnson, Leiterin Museum für Photographie Braunschweig

Helmstedter Straße 1

D–38102 Braunschweig

Ausstellung:

11.07. – 27.09.2020

Öffnungszeiten:

Di – Fr 13 –18 Uhr

Sa & So 11–18 Uhr

Die Ausstellung stellt mit Blick auf die fotografische Arbeit von drei internationalen Künstlerinnen unterschiedlicher Generationen – Daniela Comani (*1965 in Bologna, lebt in Berlin), Kata Geibl (*1989 in Budapest, lebt dort und in Den Haag) und Sanna Kannisto (*1974 FI, lebt in Helsinki) – bildnerische Konzepte vor, die an soziologische, empirische, wissenschaftliche oder naturwissenschaftliche Zusammenhänge erinnern, diese aber in künstlerisch-individuelle und illusionistische Bildwelten überführen. Ihre farbfotografischen und schwarzweißfotografischen Arbeiten basieren dabei auf unterschiedlichen Inszenierungsformen und interpretieren mitunter auch vorgefundene Bilder.

Die italienische Künstlerin Daniela Comani bezieht sich in vielen ihrer konzeptuell mehrteilig angelegten Werkgruppen in humorvoller wie subtil kritischer Weise auf Aspekte geschlechtsspezifischer Zuordnungen in soziokulturell unterschiedlich geprägten Bereichen unserer Gesellschaft. Beispielhaft hierfür ist u. a. das fortlaufende Projekt Eine glückliche Ehe (seit 2003), in dem die Künstlerin in unterschiedlichen Szenen des Alltags gleichzeitig als Mann und Frau erscheint. Detailliert beobachtend und humorvoll entlarvend, lässt die Werkgruppe Konnotationen des Männlichen und Weiblichen in Nuancen erkennbar werden.

Die Ausstellung zeigt eine Auswahl aus der Werkgruppe und stellt darüber hinaus die jüngste Werkgruppe von Daniela Comani Planet Earth: 21st Century (2015-19), eine Inszenierung mit Postkarten von Stadtansichten, vor. Ausgangspunkt der Werkgruppe ist die Auseinandersetzung mit den virtuellen Repräsentationsmodellen von Städten wie sie in den kartografischen 3D-Softwares bei Google und Apple im Internet eingesetzt werden, um scheinbar repräsentativ Großstädte vorzustellen. Daniela Comani manipuliert die eigentlich selektiven Bilder in eigenen Ansichten. Die nunmehr schwarzweißfotografischen Postkarten erinnern dabei auch an das Genre der Luftbildfotografie.

„Comani betreibt mit ihrer künstlerischen Arbeit Remediatisierung in die rückläufige Richtung des Zeitvektors. Ein neues Medium verbirgt sich hier im Mantel eines alt bewährten. Einstellungen aus dem digitalen Bilddatenraum werden im Bilddruck bewahrt. Dabei schluckt das kleine Format der Postkarte ein paar Pixel und trägt zum Täuschungseffekt bei: Die Bilder sehen aus wie echte Luftbildfotografien. Die Künstlerin deutet also die Konventionen an, Bild-Stereotype. Auch in den neuen digitalen Umgebungen wiederholen sich die alten Perspektiven. Das Navigieren in Bildräumen und die Vogelperspektive fallen in einem Format zusammen, die Postkarte als Massenmedium für Architektur.“–Vera Tollmann (aus „Wow, that’s so postcard! Zum Planet Earth:21st Century von Daniela Comani“, Zitat aus dem Buch zur Werkgruppe, S. 737)

Erstmals in einer Ausstellung in Deutschland zu sehen ist die Arbeit der ungarischen Künstlerin Kata Geibl. In ihrer mehrteiligen Werkgruppe Sisyphus (2018) setzt sich die aktuell in Den Haag und Budapest lebende Künstlerin in poetisch-illusionistischen Bildern mit scheinbaren Versuchsmodellen und der visuellen Kultur von Bildwelten im Bereich der Wissenschaft auseinander. Ihr Titel spielt metaphorisch auf die Diskrepanz zwischen Vertrauen in die rationale Wissenschaft und die sich dennoch stets neu ergebenden Rätsel existentieller Zusammenhänge an. Wie für Sisyphus, der in der Mythologie als Strafe immer wieder einen Stein den Berg hinaufrollen muss, erscheint auch die Existenz dem Menschen immer wieder unerklärlich. Die Entstehung bedrohlicher Viren wie COVID-19 sind hierfür ein aktuelles Beispiel. Die Ausstellung präsentiert 12 Arbeiten aus der insgesamt 21-teiligen Serie, zu der die Künstlerin schreibt:

„Die Fotografie hat die Fähigkeit alles einzufangen, was vor der Kamera ist, die Technik sieht sogar das, was das menschliche Auge nicht sehen kann. Wir sehen Universen, explodierende Sterne, mikroskopische Welten, die Detonation einer Atombombe aus sicherer Entfernung. Durch diese Bilder denken wir dem Verständnis darüber, wie die Welt funktioniert, näher zu kommen ohne die Dinge jemals erfahren oder mit eigenen Augen gesehen zu haben. In der Serie Sisyphus habe ich ein Laboratorium von Bildern konstruiert, bei dem es dem Betrachter überlassen bleibt, ohne wissenschaftliche Erklärung zu entscheiden, wo die Grenze zwischen Fiktion und Realität liegt.“–Kata Geibl

An Sisyphus anknüpfend, spielt auch die aktuelle Serie There is Nothing New Under the Sun (2019) von Kata Geibl mit ihren bisweilen mythisch wirkenden Bildwelten auf wiederkehrende existientielle Fragestellungen an und schafft Bilder mit psychologischer Intensität. In den metaphorischen Fotoarbeiten geht es der Künstlerin um eine individuelle bildnerische Reaktion auf die Dominanz von kapitalistischen Beweggründen globaler Weltzusammenhänge, die sich die Ressourcen der Natur zu eigen machen. Bezugspunkt des Titels ist ein Bibelzitat (Ecclesiastes 1:9 New International Version (NIV)). Die Ausstellung stellt vier Arbeiten aus der 13-teiligen Serie vor.

Wie Bühnen zum Studium der Natur wirken die Szenarien, mit denen die finnische Künstlerin Sanna Kannisto in ihren unterschiedlichen Werkserien der vergangenen Jahre poetisch ästhetische Bildwelten schafft, in welchen die Natur in eine eigene Zeitlosigkeit überführt erscheint. Seit etwa zwei Jahrzehnten liegt der Fokus ihrer fotografischen Arbeit auf der Beobachtung von Natur und ihren besonderen Erscheinungsformen, wie sie sich in den Landschaften des Regenwaldes und dessen Flora und Fauna samt der Vielzahl seiner unterschiedlichen Spezies von Reptilien, Insekten, Fröschen und Fledermäusen darstellt. In einer umfassenden Serie widmete sich Sanna Kannisto darüber hinaus in den letzten Jahren dem Motivfeld von Vögeln aus unterschiedlichen Regionen der Welt, wofür sie regelmäßig Vogelstationen besucht. In den Bilderbühnen der Künstlerin posieren sie nahezu wie in Portraits und sind ebenso wie die Künstlerin für den Moment der Aufnahme verantwortlich.

Während im Bereich naturwissenschaftlicher Forschung im Vordergrund steht, Pflanzen, Tiere und Phänomene der Natur über Zeiträume in ihrem jeweiligen Lebensraum und in ihrer Artenvielfalt zu beobachten, sie zu klassifizieren und Erkenntnisse mit objektivierenden Aussageansprüchen zu erlangen, geht es in den Arbeiten von Sanna Kannisto eher darum, die Besonderheit der Natur und die vom Menschen entwickelten Methoden ihrer Beobachtung, Erforschung und Wahrnehmung zu thematisieren, um diese in individuelle ästhetische Modelle zu überführen.

„Ich bin daran interessiert, wie die Natur in der Praxis von Kunst und Wissenschaft porträtiert und dargestellt wird. Und daran, wie wir uns der Natur […] durch verschiedene Methoden, Theorien, Konzepte und aufgrund unterschiedlicher Bedürfnisse nähern. Ich betreibe keine Naturforschung, mir geht es vielmehr darum, menschliche Arten des Sehens und Arbeitens zu erforschen“.–Sanna Kannisto

Die Ausstellung zeigt Arbeiten aus unterschiedlichen Werkphasen der Künstlerin, die aktuell auch eine große Überblickausstellung im Finnish Museum for Photography mit dem Titel „Sanna Kannisto: Sense of Wonder“ hat.

(Presse: Museum für Photographie Braunschweig)

www.photomuseum.de

 

 

Info