Sonya Schönberger / Studio Visit

Sonya Schönbergers künstlerische Praxis ist von ihrem Interesse an Brüchen geprägt. In der Vielzahl von Medien –  Fotografie, Theater, Installation, Video- und Audioarbeiten – thematisiert sie immer wieder die Geschichte in Verbindung mit der eigenen biografischen Erinnerung.  Viele Arbeiten der Künstlerin bilden Archive, die sie in den letzten Jahren erstellt oder gefunden hat. Auch politische oder soziale Veränderungen im öffentlichen Raum sind Themen ihrer künstlerischen Auseinandersetzung. Wir treffen Sonya Schönberger in ihrem Berliner Atelier am Südkreuz.

Julia Rosenbaum / StudioVisits: Die Fotoserie „Moos“ ist 2018 während der Residency in Blackstad in Schweden entstanden. Ich hatte vorher noch nie von Blackstad in Småland gehört. Ich stelle es mir sehr einsam dort vor….

Sonya Schönberger: Oh ja, das war es zunächst auch. Blackstad ist ein ganz kleines Dorf und die Residency liegt an dessen Rand. Das Haus der Residency ist eine ehemalige Gemeindehalle einer protestantischen Freikirche, in der die Messen abgehalten wurden. Das ist für das ländliche Schweden ein üblicher Bau in jedem Dorf, aber seit den 1990er Jahren haben die Gemeinden weniger Mitglieder, weil auch weniger Menschen auf dem Dorf leben, wie überall. Albin Wiberg, der Leiter der Residency, hatte also diesen besonderen Ort gekauft und sehr wohnlich und auch zum Arbeiten umgebaut. Er meinte, abschließen brauchst du hier nicht. Aber die ersten Nächte, die Ruhe und Einsamkeit, waren fast unheimlich. Ich schloss alle Türen ab. Nach ein paar Tagen habe ich es dann gelassen. Eigentlich war die Residency gar nicht einsam. Es war nur die Hektik der Großstadt, die mich für gewöhnlich in Schach hält, sodass ich den Ort erst einmal akzeptieren musste.

Mitten in den Wäldern liegt die Beschäftigung mit Natur sehr nahe. Was hat Dich speziell an dem Urgewächs Moos interessiert?

Moose sind, wie du schon sagst, sehr urig. Sie sind eben uralt, haben Eiszeiten überdauert, tauchen in jedem Klima auf, egal ob in Wüste oder Regenwald, sie wachsen auf fast jedem Untergrund und spielen eine wichtige Rolle für das Ökosystem. Sie sind echte Überlebenskünstler und waren für mich wegen ihrer intensiven Schönheit, aber vor allem ihrer Vielfalt, so interessant. Rund um die Residency allein wuchsen sehr viele unterschiedliche Sorten, die ich einfach gern angeschaut habe. Ich bin dann auf die Suche nach ihnen in verschiedene Wälder gegangen. Vielleicht finde ich es auch so spannend, dass Moose sehr wenig wirtschaftlichen Nutzen für die Menschen haben. In letzter Zeit denke ich viel über Pflanzen nach, die extremen Situationen ausgesetzt sind. Moose sind wohl nicht so interessant zur Ausbeutung durch den Menschen und daher vielleicht weniger gefährdet. 

Im Atelier hast Du das gefundene Moos zu bestimmten Formen arrangiert.

Ja, das kam dann über eine andere Leidenschaft: Skandinavisches Design. Das findet man auch dort in Småland zu Hauf und ich liebe es, mir die Formen anzuschauen. Intuitiv habe ich die beiden Elemente, das gefundene Porzellan und die verschiedenen Moose, kombiniert. Ich kann nicht genau sagen wieso, aber für mich hat das sehr gepasst. Die Moose sind übrigens immer nur angelegt oder drapiert. Ich habe sie, nachdem das Foto fertig war, wieder in „die Freiheit“ entlassen.

Schon in der vorherigen Arbeit „Clean Square“, die im Garten der ehemaligen Australischen Botschaft in Berlin entstanden ist, haben Pflanzen eine Rolle gespielt. Doch schien mir, dass es Dir mit der Aktion noch um eine andere Ebene ging, oder?

Ja, „Clean Square“ war für mich eine sehr wichtige Arbeit, die viel ausgelöst hat. Als ich das Gelände der ehemaligen Botschaft – übrigens der Botschaft mit der größten Grundfläche in der DDR – das erste Mal besuchte, fiel mir sofort die zwischen dem Gebäude und Tennisplatz liegende großzügige Terrasse auf. In den Ritzen der Waschbetonplatten wuchs das in deutschen Sprachraum so betitelte „Unkraut“ wie verrückt. Der Sommer 2018 war ja sehr heiß, und niemand kümmerte sich mehr darum, irgendeine Verbreitung im Zaum zu halten. 

Wie bist Du vorgegangen?

Ich habe einen Bereich abgesteckt, dort alle Pflanzen aus den Ritzen genommen, ihre Bezeichnung und Bedeutung bestimmt. Die allermeisten von ihnen sind Kräuter mit medizinischer Wirkung, werden aber in unserem Alltag nicht mehr als solche erkannt: Es gab Hirtentäschel, Goldrute, Berufkraut, Storchenschnabel, Spitz- und Breitwegerich, Scharfgabe usw.. In einem gut gepflegten Garten haben die alle nichts verloren und so habe ich sie symbolisch mit den KünstlerInnen in Verbindung gebracht. Die vorher abgesteckte Fläche habe ich mit Hochdruck gereinigt, sodass sie in eine Art Urzustand mit strahlendem Waschbeton zurückversetzt wurde. Die Pflanzen habe ich alle in Gefäße der Keramikerin Beate Bendel getopft. Sie hatte ihr Diplom noch unter Hedwig Bollhagen absolviert, der wichtigen Keramikerin der DDR. Die Kacheln an der Fassade der Australischen Botschaft stammen eben von Bollhagen und über die Arbeiten von Bendel wollte ich den Bogen zurück zu ihr schlagen. Die Pflanzen in den Töpfen wurden während der Eröffnung an das Publikum verlost. Die GewinnerInnen wurden gebeten, die „Unkräuter“ mit in ihr Haus, ihre Straße, ihren Kiez zu bringen, und dort ein Stück der Geschichte des Ortes weiterzuerzählen. 

Das fand alles in der ehemaligen Australischen Botschaft in Berlin statt, oder?

Richtig, die Botschaft war an um die 30 KünstlerInnen zur Zwischennutzung vermietet worden. Eigentlich ist diese Villa ja eher ein absolutes Filetstück für den Immobilienmarkt. „Zwischennutzung“ sagt ja schon alles: Ihr dürft kurz von dem Ort profitieren, ihn aufwerten, aber dann müsst ihr ihn verlassen, wenn er so richtig wertvoll ist. Vor einem Jahr und auch mit der Ausstellung wollten die KuratorInnen und OrganisatorInnen das noch verhindern. Heute, ein Jahr später, wissen wir, dass sie es nicht schaffen konnten. Sie sind bereits ausgezogen. Ein weiteres trauriges Kapitel in einer Stadt, die sich genau wie alle anderen Metropolen, dem Profit verschrieben hat. 

Wie sehr ist das „Unkraut“ auch ein Symbol der Gentrifizierung, ein Thema, welches Dich ebenso interessiert und der ja auch immer mehr KünstlerInnen in Berlin zum Opfer fallen? 

Da ich mich mit den wilden Gewächsen in den Ritzen beschäftigt habe, steht „Clean Square“ symbolisch für die sehr bedrohte Situation der KünstlerInnen in Berlin. 

Die Arbeit „Clean Square“ hat Dich dazu bewegt, bei der Goethe@LUX Residency in London zu bewerben. Das Stipendium, das Du 2019 erhalten hast, richtet sich an KünstlerInnen, die in Deutschland leben und mit bewegten Bildern arbeiten. In London selbst ist dann ein ganz neues Projekt entstanden, das sich mehr mit der Geschichte der Kolonialisierung beschäftigt.  Worum geht es in der Arbeit „Kenyan Roses for the Kingdom“?

Vor ein paar Jahren las ich einen Artikel über die Ermordung einer weißen Kenianerin am Naivashasee in Kenia. Sie besaß dort seit 1963 ein Haus und engagierte sich als Aktivistin für den Schutz des besonderen Ökosystems. Der See bot der Industrie auf Grund seiner Lage und dem Wasserzugang einen idealen Standort. In dem Artikel erfuhr ich von der Schnittblumenindustrie, die sich in Afrika seit den 1980er Jahren stark entwickelt hatte. Hier wurden auch die Migrationsbewegungen und die sozialen und ökologischen Auswirkungen beschrieben, die die hauptsächlich auf Rosen spezialisierte Industrie in der Gegend rund um den Naivashasee ausgelöst hat und weiterhin anrichtet. 

Wie kam London da ins Spiel?

Als ich für meine Goethe@LUX Residency nach London kam, fielen mir die zahlreichen Eimer voller frischer Blumen an Supermarkt-Eingängen auf. Auf den meisten Labels las ich als Herkunftsland Kenia. Ich wurde an den Artikel von damals erinnert und begann zu recherchieren. Die Lecture, die aus diesen Recherchen entstanden ist, orientierte sich an der Geschichte der erwähnten weißen Kenianerin und der kolonialen Verknüpfungen des Vereinigten Königreichs mit Kenia. Hier wird deutlich, wie die Entscheidungen und Haltungen der damaligen kolonialen Herrscher bis ins Heute hineinwirken und dass man diese Entwicklungen nicht getrennt voneinander betrachten kann. Neben der Recherche habe ich schweren Herzens immer wieder Rosen in verschiedenen Läden und Farben gekauft. Mit ihnen ist dann im Lauf meiner Residency die Fotoserie „Kenyan Roses for the Kingdom“ entstanden.

Du hast in diesem Jahr bereits im Goethe-Haus in Weimar mit Pflanzen gearbeitet. Wie kamst Du an diesem historischen Ort?

Mir kam die Idee zu dieser kommenden Arbeit, als ich während einer Tagung in der Bauhaus-Uni dem Museum einen kleinen Besuch abstattete. Dort gibt es ja einige Aufsichten. Ich konnte einen Herrn beobachten, der sich vor einem Fenster positioniert hatte und sich ein wenig mit der Zimmerpflanze auf dem Fensterbrett beschäftigte. Das war nur ein kurzer Moment, aber er hat mich dazu inspiriert, mir die Pflanzen im Goethe-Haus genauer anzuschauen. Wer bestimmt, welche Pflanzen an welcher Stelle stehen, wer kümmert sich um sie, haben die Pflanzen eine historische Tradition im Haus? All das waren Fragen, die mir sofort kamen, und ich wollte dazu arbeiten. Der Leipziger Kuratorin Sarah Alberti, die auch bei der Tagung zugegen war, erzählte ich meine Idee und sie brachte mich ziemlich schnell mit der Direktorin des Goethe-Hauses in Kontakt. Im Haus selber habe ich dann alle Pflanzen – es sind momentan elf – fotografiert, mich aber auch mit den historischen Umständen der Pflanzen beschäftigt. Das Haus wird in nicht allzu langer Zeit restauriert. Vielleicht gibt es danach keine Pflanzen mehr dort, denn aus konservatorischer Sicht sind sie eine Katastrophe. In den 1990er Jahren wurde das noch anders gesehen. Damals gab es sogar eine halbe Stelle für jemanden, der sich nur mit den Pflanzen beschäftigte. Mit dieser Arbeit weise ich auch auf die Veränderungen innerhalb der Wahrnehmung von Museen in unserer Zeit hin. Auch die Vorstellung von oder der Wunsch nach Authentizität wird hinterfragt. 

Wie geht es von da aus weiter?

Gerade habe ich am Archäologischen Institut der FU Berlin sieben Kartons mit ca. 7000 Nägeln aus einer Ausgrabung auf dem Tempelhofer Feld abgeholt. Das Flugfeld hat zwar eine recht kurze, aber sehr vielschichtige Geschichte. Hier befand sich ab den 1930er Jahren das sogenannte Richthofenlager, bzw. KZ Columbia, ein riesiges Zwangsarbeiterlager der Firma Weser Flug GmbH. Arbeiter und Arbeiterinnen aus der Sowjetunion, aus Polen, Tschechien und anderen osteuropäischen Ländern, aber auch Kriegsgefangene aus Frankreich waren hier in Baracken untergebracht. Das Lager wuchs auf über 20 Baracken im Frühjahr 1944 an. Die meisten dieser Baracken waren bei Kriegsende zerstört. Die Geschichte des Feldes überdeckte sich weiter durch die Nachnutzung der Alliierten. 2013 kam es dann zu einer großen Grabung auf dem Flugfeld. Ich darf nun mit einem Teil der Ausgrabungen künstlerisch umgehen. Ich habe mich zunächst für die Nägel der Baracken, die zu tausenden ausgegraben wurden, entschieden. Sie haben alles zusammengehalten. Das ist mein Plan für die nächsten Monate…

Interview: Julia Rosenbaum, Dezember 2019


StudioVisits bieten exklusive Einblicke in Künstlerateliers. Persönliche Gespräche mit Künstlern_innen eröffnen individuelle Perspektiven auf kreative Ideen, Prozesse und Inspirationen.

Julia Rosenbaum www.juliarosenbaum.com / Sonya Schönberger www.sonyaschoenberger.de /  © Sonya Schönberger fotografiert von Uwe von Loh /