Paul Hutchinson

Paul Hutchinson (*1987) wuchs als Deutsch-Ire in Berlin auf und studierte dort an der Universität der Künste sowie an der Central Saint Martins University of the Arts in London. Ein Gespräch über Herkunft, Bild und Textsprache sowie die neueste Arbeit.

Julia Rosenbaum / StudioVisits: Du warst als Jugendlicher Teil der Berliner Hip-Hop-Szene der 1990er Jahre.

Paul Hutchinson: Das mit „Teil der Hip-Hop“ Szene wird immer schnell gesagt, auch weil ich das selbst mal vor Jahren so formuliert hatte. Mir ist inzwischen aufgefallen, dass damit die falschen Assoziationen geweckt werden. Hip-Hop Szene vermittelt das falsche Bild. Da denkt man schnell an Konzerte, aktives Teilhaben und Musikproduktion und an einen kleinen, engen Kreis. Das gab es auch. Aber bei uns war es vom Musikmachen her eher passiv. Hip-Hop war unbewusst und selbstverständlich wie ein Hintergrundrauschen – für das viele von uns nichts aktiv produziert haben. Zu der gesamten Kultur, mit der ich aufgewachsen bin und die mich geprägt hat, gehören tausend andere Sachen, die nicht ausschließlich mit Hip-Hop zu tun haben. Das wäre zu klein. Wichtige Schlüsselworte sind auch Immigration, Sprache, Straßenkultur. Bei uns gab es z.B. kein Breakdance, auch Graffiti gab es nur peripher. Präsent war Alphagehabe, auch Aggression, Abziehen, Ticken. Das ist Nord-Schöneberg der 90er/2000er Jahre, Schöneberg 30. Hip-Hop schwebte dabei natürlich über allem, aber fühlte sich nie wirklich besonders oder „szenig“ an, sondern einfach wie eine Standard-Jugend in der Stadt. Klar, der Royal Bunker wurde in der Yorckstraße gegründet, Leute wie KKS/MOR, Aggro Berlin, waren damals in der Gegend wichtig. Aber vieles andere auch.

Wie kamst Du von da zur Fotografie?

Zur Fotografie kam ich, retrospektiv betrachtet, weil ich aus dem damals grauen, muffigen, rauen West-Berlin weg wollte. Und mehr sehen wollte als nur den Kleistpark und die ganzen Orte und Gesichter. Deswegen Bildung und Reisen. Woanders leben, andere Kreise kennenlernen. Über die Disposition, einen deutschen Pass zu haben, damit für deutsche Fördermöglichkeiten berechtigt zu sein und diese innere Neugierde zu haben, war ich mir immer bewusst und habe mich damit privilegiert gefühlt. Einfach Lust zu haben, Sachen zu machen und allgemein gut drauf zu sein – vor allem nachdem ich viel Zeit in meiner Jugend mit Grasrauchen und Rumhängen oder mit Stressmachen verbracht hatte – war etwas, worüber ich dankbar war und noch heute bin. Und die Übersetzung von diesen Erfahrungen, von dem Reisen, aber auch von dem Gefühl irgendwie aus Glück in einer akademischen Ausbildung und unter viel gebildeteren Menschen gelandet zu sein, der physische Umgang damit, folgte dann bei mir persönlich über das Bildermachen.

Was für einen Einfluss hatte Deine Kindheit und Jugend auf Deine fotografische Arbeit? 

Ich glaube, alles was ich tue, all meine Aktivitäten, sind in irgendeiner Form darauf zurückzuführen, wo ich herkomme und welche Erfahrungen ich seitdem machen konnte.

Dein Stil ist weder in der dokumentarischen noch in der rein poetisch-künstlerischen Ästhetik einzuordnen. 

Bei der Betrachtung meiner Arbeit ist es sinnvoll, sich zu vergegenwärtigen, dass ich bewusst ein eigenständiges Referenzsystem aufbaue, was meine innere Gefühlswelt und meine Wahrnehmung unserer Realität reflektiert. Innerhalb dessen können U-Bahnhöfe neben Schmetterlingen neben Turnschuhen existieren, weil sie alle einen ähnlichen Gestus in sich tragen und das widerspiegeln, mit dem ich der Welt begegne: Naivität.

Das Offenlegen davon und der ehrliche Umgang damit, sowie die damit verbundenen Erfahrungen – auf der einen Seite ein tiefer Glaube an das Gute und Positive im Leben, auf der anderen auch das Scheitern und die damit verbundene Aggression oder Verzweiflung – definieren meine Stimme. Das Leben halt. Ich finde „Stil“ auch einen schwierigen Begriff innerhalb der Kunst und würde sagen, darum geht es eigentlich nicht. Stil ergibt sich an zweiter oder dritter Stelle. Und sollte nicht vordergründig das sein, dem man nacheifert. Es geht ja erst einmal um Inhalt und, vielleicht, Emotion. In meiner Wahrnehmung von Kunst zumindest.

2016 wurdest Du mit dem Eberhard-Roters-Stipendium für Junge Kunst geehrt, das neben einem Ankauf von der Berlinischen Galerie auch mit 15.500 Euro dotiert ist. 

Ja, das war irgendwie ein wichtiger Moment, in dem ich gedacht habe: „Okay, ich kann das hier vielleicht wirklich machen“. Also das Hintenanstellen von Träumereien und wirklich, lebenspragmatisch, das Bewusstsein langsam aufzubauen – das könnte hier echt mal mein Job sein, no joke. Die geben mir grade Geld hierfür. Ohne derart Förderungen und die damit verbundene Anerkennung der Arbeit, das Gefühl von Weitermachen, wäre ich nicht stark genug gewesen, meine Praxis zu entwickeln. Natürlich gibt es unzählige Möglichkeiten der Verbesserung, aber allgemein müssen wir uns extrem glücklich schätzen, dass es hier in Deutschland diese kulturelle Infrastruktur gibt und was sie, nicht nur in Bezug auf Künstler, sondern gesamtgesellschaftlich, ermöglicht. Allein die Leistungen der KSK oder des BBK etc. sind immer wieder hervorzuheben, finde ich – und sie sind nicht selbstverständlich.

In der Serie  „Schmetterlinge“ betrachtest Du ein fast klassisches Sujet. Mutig, denn Tierbilder sind ja eher etwas für National Geographic.

Ja, total. Ich hab mich auch erst einmal gewundert, was das soll. Aber mit der Zeit hat es Sinn ergeben und ich konnte in diesen komischen, von mir teilweise real-collagierten, Motiven eine Art bittersweetness und Poesie sehen, die meiner Arbeit im Allgemeinen entspricht. Ich denke immer, man sollte sich etwas Fallhöhe zutrauen und auch mal Mut zum Scheitern zeigen. Anfänglich war mir das mit den Schmetterlingen nicht geheuer – etwas, das sich jetzt so natürlich anfühlt und soviel eigene Narration trägt – und es war mir fast peinlich, das wirklich durchzuziehen. Ein paar Jahre später merkt man dann „Ach nee, war genau richtig“ und mit der Übung im Produzieren lernt man dann, genau auf diese innere Intuition zu vertrauen und sie zu kanalisieren. Ich denke immer, der Mut zur Freiheit in der künstlerischen Produktion von einem Polke, Richter oder Kippenberger oder einer Hannah Höch ist vielleicht das, was der Kunst heute fehlt. Wenn alles so corporate und slick und klar profiliert wird, ist es doch langweilig. Die Variationsbreite, die solche Positionen hatten, fand ich immer inspirierend.

In deiner Publikation „Texte und Bilder“ geht es auch um eine Subkultur, diesmal sind die Bilder größtenteils in Berlin entstanden. Begegnen wir einem Porträt einer Generation oder eher einem Lebensgefühl?

Nein, ich denke, ich wäre nie in der Lage, meine Generation zu porträtieren – dazu habe ich keine Ambition. Ich fühle mich z.B. in keiner Weise Teil von dem „New Creative Berlin“ oder der internationalen Startup-Szene, die immer mehr Raum bei Vertretern meiner Generation einnimmt. Oder von dem Hip-und-Cool-und-Berghain-Sein. Das ist hier halt mein Zuhause, meine Heimat. Und wenn ich Leute fotografiere, dann weil ich in irgendeiner Form eine Zuneigung zu Ihnen verspüre oder sie bewundere. Nicht, weil sie vermeintlich adäquat ihre Generation repräsentieren. Ich kann nur über meine eigene Welt und meinen Erfahrungshorizont sprechen und habe auch keine weiteren Ambitionen, als das zu tun. Wenn es ein Lebensgefühl in meiner Arbeit gibt, dann das, was ich in mir drin trage.

Auf den ersten Blick erscheinen Deine Bücher wie eine spontane Momentaufnahmen, nach genauem Hinsehen enthüllen sie sich als feine fotografische Komposition. Diese Spannung stelle ich mir wie ein schwieriger Balanceakt vor. Wie sieht Dein Arbeitsprozess bis zu der Fertigstellung aus?

Ich arbeite sehr intuitiv. Wenn mich etwas bewegt, positiv oder negativ, dann probiere ich, das in Bilder oder in Worte zu übersetzen. Dabei entsteht relativ viel Material und meine Aufgabe ist es, dieses Material adäquat und präzise zu filtern. Sodass das, was ich sagen möchte oder empfinde, zum Vorschein tritt. Das ist halt jetzt meine Arbeit, das zu teilen. Und im besten Fall berührt das irgendwo jemanden und schafft dadurch vielleicht einen Mehrwert oder eine Verbindung. Aber ja, allgemein ist mein Prozess: Überproduktion und dann runter filtern.

Parallel zu Deinen Fotografien schreibst Du auch Texte. Was für eine Bedeutung haben sie für Dich?

Die Texte stehen autark neben den Bildern. Sie sind keine Illustration meiner fotografischen Praxis, sondern existieren gleichwertig und unabhängig. Das Schreiben ist seit längerem Teil von dem, was ich tue. Und mir ist nach einiger Zeit aufgefallen, dass die Texte die Arbeit nicht zumachen, sondern öffnen. Dann dachte ich, es wäre vielleicht auch vertretbar, sie zu publizieren. Die Texte agieren mit einem ähnlichen Drängen wie die Bilder, finde ich. Mir war es wichtig, oder es ging auch nie wirklich anders, diese Ästhetik und die Relevanz, die ich in eher roughen Sachen sehe, zu formulieren – sprachlich wie auch semantisch. Ich beschäftige mich auch relativ stark mit Literatur und mir ist z. B. aufgefallen, dass ich schlichtweg die Form, in der ich tagtäglich kommuniziere, bisher nicht in der deutschsprachigen, zeitgenössischen Literatur wiedergefunden habe. Das hatte ich nie verstanden. Warum sprechen die in Büchern von heute anders als ich heute spreche. Wo sind meine Leute in diesen Büchern? Wo meine Sprache? Die Flucht nach vorne und das Publizieren von diesen vermeintlich peinlichen, nicht-akademischen Straßentexten war dann das Ergebnis davon. Und mittlerweile fühlt sich auch das für mich ehrlich und richtig an.

In Deinem im DISTANZ Verlag veröffentlichten Katalog und Fotoband „Pictures and Words“, bzw. „Texte und Bilder“ bringst Du Bild und Text erstmals zusammen. Was passiert da?

Ich glaube, die Bilder und Texte tun einander gut. Und ich glaube, sie fordern nochmal die Weise heraus, mit der sich die Menschen mit Bildern im allgemeinen, und meiner Arbeit im spezifischen, beschäftigen.

Es gibt zwei Ausgaben des Katalogs: Eine erscheint auf Englisch und eine auf Deutsch. Hast Du alle Texte übersetzen lassen oder konnten einige Texte einfach nicht übersetzt werden, da sie plötzlich einen anderen Klang in der jeweils anderen Sprache einnahmen? Wie bist du mit dieser Unterschiedlichkeit der beiden Sprachen umgegangen?

Ich schreibe sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch, ich bin bilingual erzogen worden. Bei manchen Texten gelingt mir eine freie Übersetzung, bei anderen ist es mir einfach nicht möglich. In den beiden Editionen der Bücher sind einige wenige Übersetzungen, vielleicht insgesamt 30% aller Texte (übersetzt sowohl vom Englischen ins Deutsche als auch vom Deutschen ins Englische). Alle Übersetzungen mache ich selbst, alles andere würde sich irgendwie falsch anfühlen. Der Rest sind schlichtweg unterschiedliche Texte. Es sind also zwei unterschiedliche Bücher.

Ich persönlich finde es fast einfacher, auf Englisch zu schreiben, da die Gefahr, pathetisch zu klingen, kleiner ist als auf Deutsch. Deutsch ist schwieriger, aber umso mehr „rewarding“, wenn man es richtig hinkriegt, präzise genug zu sein. Gleichzeitig ist es umso fataler, wenn man scheitert, was sich im Englischen leichter kaschieren lässt.

Obwohl beide ein ähnliches Lebensgefühls vermitteln, würde ich sagen, dass die englische Edition etwas optimistischer und wärmer ist. Die deutsche Ausgabe etwas rauer, aber an Stellen auch etwas eigenständiger. Trotz Bilingualität bin ich in Berlin zur Schule gegangen und wurde hier in frühen Jahren einprägsamer sozialisiert als z.B. in Irland. Das spiegelt sich natürlich auch in meiner Sprache wider.

Spielt Politik eine Rolle in Deiner Arbeit?

Je mehr ich produziere, desto mehr fällt mir selbst auf, dass eigentlich fast alles, womit ich mich auseinandersetze, von Weitem betrachtet, politisch motiviert ist. Die Beschäftigung mit sozialer Ungleichheit, die Hierarchien von Sprache, das Motiv vom Aufbegehren gegen vermeintliche Autoritäten. Das ist eine Grundstimmung der Arbeit, die alles trägt und zusammenhält.

Empfindest Du als Künstler eine Verantwortung, Deine Stimme politisch einzubringen?

Nein, nicht zwangsläufig als Künstler, aber als Mensch. Bei mir persönlich steckt eine gewisse Motivation hinter meiner Arbeit, aber Kunst kann genauso gut völlig frei von Politik agieren. Als wacher und fühlender Mensch denke ich allerdings über die Welt nach, in der wir leben – so wie alle anderen wachen und fühlenden Menschen auch –, und artikuliere das, sofern mich etwas negativ oder positiv umtreibt.

 

Interview: Julia Rosenbaum, Oktober 2019


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Julia Rosenbaum www.juliarosenbaum.com / Paul Hutchinson www.paul-hutchinson.com / © Paul Hutchinson fotografiert von Uwe von Loh /