Michael Danner

2008 begann Michael Danner, an seinem neusten Fotoprojekt Migration as Avant-Garde zu arbeiten. Nun ist das bereits preisgekrönte Buch erschienen. Ein Gespräch mit dem Fotografen Michael Danner über Entstehung und Bedeutung, die Lust am Büchermachen und zukünftige Projekte.

Julia Rosenbaum / StudioVisits: Als Du 2008 mit dem Projekt angefangen hast, war noch gar nicht abzusehen, welche Bedeutung das Thema Migration in den kommenden Jahren bekommen würde. Was hat Dich an dem Thema damals interessiert?

Michael Danner: In meiner Wahrnehmung war die Thematik Migration immer präsent. Jetzt scheint alles von den Ereignissen des Jahres 2015 überlagert zu sein, aber auch schon davor gab es Diskussionen über die Fluchtbewegungen ausgelöst durch die Konflikte in Syrien und dem Irak, die Rolle der Agentur Frontex im Mittelmeer, eine solidarische Verteilung von Flüchtlingen in der EU und damit die Entlastung der Länder im Mittelmeerraum. Ähnliche Diskussionen hatten wir in den 1990er Jahren, als Spätaussiedler zu uns kamen, die Fluchtbewegungen durch die Jugoslawienkriege oder nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, die Boat People in Südostasien oder die Gastarbeiter aus der Türkei, Griechenland und Italien.

Wie bist Du damals vorgegangen?

Eine erste Frage, die ich mir stellte, war: Was konstituiert Migration? Ich wollte die Akteure begleiten, die Migration in unterschiedlicher Weise erfassen, verhindern und kanalisieren oder humanisierend beeinflussen. Also die staatlichen Organe, karitativen Organisationen und die Flüchtlinge selbst. Ich begann zuerst, außerhalb des Schengenraums zu fotografieren und erst später näherte ich mich den Migranten in unserer Gesellschaft.

„Menschen gehen dahin, wo sie die Möglichkeit haben, sich zu entfalten oder wo sie Sicherheit finden. Wir treffen Entscheidungen und nehmen unser Schicksal selbst in die Hand. Migration ist untrennbar mit dem Menschsein verbunden.“–Michael Danner

Wie hat sich das Projekt im Laufe der letzten 10 Jahre entwickelt? Ist dies im Buch ablesbar?

Ich sammle erstmal Bilder, schaffe Ordnungen und bringe sie in neue Beziehungen zueinander. Eine konzeptionell-dokumentarische Arbeit ist für mich immer ein Prozess, ein fortlaufender Dialog zwischen dem Bild, Inhalten und deren Repräsentation.

Wie hat sich Dein Blick verändert?

Mir ist klar geworden, dass wir in gewisser Weise alle Migranten sind: Wir verlassen Orte, um zur Schule zu gehen, zu studieren oder einer besseren Arbeit nachzugehen. Menschen gehen dahin, wo sie die Möglichkeit haben, sich zu entfalten oder wo sie Sicherheit finden. Wir treffen Entscheidungen und nehmen unser Schicksal selbst in die Hand. Migration ist untrennbar mit dem Menschsein verbunden.

Was waren für Dich die prägendsten Erlebnisse während der Arbeit an dem Projekt?

Die Begegnung mit den unterschiedlichen Protagonisten. Prägend war natürlich auch, von ihrer Motivation zu hören und ihr Tun zu erleben, wie z.B. Grenzschützer bei der Seenotrettung zu erleben und aus erster Hand Erlebnisse von Flüchtlingen zu hören. Ich habe meine eigenen Stereotype hinterfragen können und es sind enge Freundschaften zu Flüchtlingen entstanden, wofür ich sehr dankbar bin.

Wie ist das Buch aufgebaut, gibt es eine Narration oder Chronologie? Rhythmus und Klang sind sehr vielfältig.

Das Buch spannt einen Bogen von mediterran anmutenden Sehnsuchtsorten am Anfang zu inszenierten Portraits am Ende. Dazwischen zeige ich Transitorte, Grenzanlagen und die Ankunft in der Bürokratie eines Gastlandes. Wir haben heute Zugang zu vielen Quellen und erleben Dinge als kompliziert. Etwas in seiner Komplexität zu durchdringen, hatte für mich einen großen Reiz. Vereinfachung stößt mich ab. In Migration as Avant-Garde versuche ich, vielfältige Bedeutungseben zu berühren und sichtbar zu machen.

Die Grafik des Buchs von Anja Kaiser spielt eine entscheidende Rolle. Wie wichtig war Dir diese starke Position im Kontext Deiner Fotografien?

Migration as Avant-Garde war von Beginn an als Buchprojekt geplant. Ein Fotobuch hat andere spezifische Eigenschaften als z.B. ein Galerieraum. Zusammen mit der Grafikerin Anja Kaiser habe ich meine Intention in den Raum eines Buchs übertragen und das vorliegende Konzept entwickelt.

Wie verlief die Zusammenarbeit mit ihr?

Es entstand eine sehr intensive Kollaboration mit zahlreichen Treffen um an der Bildauswahl und der Gestaltung zu arbeiten.

Hattest Du je die Befürchtung, dass das Design zu dominant gegenüber Deinen Fotografien würde?

Ein Fotobuch hat viele Aspekte, deren Gewichtung immer zu entscheiden sind. Neben der Gestaltung ist es natürlich die Bildauswahl, die Narration, das Format, Haptik, Verwendung von Texten usw.

An manchen Stellen sind die Fotografien zusammen mit dem Buchlayout fast zu schön – war Dir das Risiko bewusst?

Visuelle Schönheit kann eine Tür zu einem Thema sein, das landläufig eher negativ besetzt ist. Die Betrachter lassen sich so vielleicht leichter auf die Thematik ein als mit einem anderen Ansatz. Die Schönheit einiger Bilder ist dabei immer ambivalent: beim genauen Betrachten ist der Schrecken nicht zu übersehen. Der Titel der Arbeit Migration as Avant-Garde spielt ebenso mit dieser Zweideutigkeit.

Unterbrochen wird die Struktur des Buchs mit Zitaten aus dem Essay „Wir Flüchtlinge“ von Hannah Arendt von 1943. Eine weitere Ebene öffnet sich dadurch.

In der Arbeit verwende ich Zitate der politischen Philosophin Hannah Arendt sowie historische Fotografien aus Archiven. Damit schaffe ich eine zeitliche Brücke, die über die Ereignisse von 2015 verweisen.

Was fasziniert Dich am Büchermachen?

Das Fotobuch ist ein Raum, den ich vollständig gestalten und kontrollieren kann. Für die Betrachter ist es ein intimer Ort, man kann sich diesen individuell aneignen, als Objekt besitzen und immer wieder dorthin zurückkehren.

Bereits in Deiner vorherigen Publikation Critical Mass, die die Architektur, den Alltag und die Sicherungssysteme aller 17 deutschen Atomkraftwerke dokumentierte, interessierte Dich die politische Dimension des Themas. Empfindest Du als Künstler eine Verantwortung, Dich diesen Themen zu widmen?

Mich interessieren in erster Linie Bilder, wie etwas fotografiert aussieht und insbesondere die Perspektive der Künstlerin oder des Künstlers. Beide Arbeiten, Critical Mass und Migration as Avant-Garde, haben Ebenen, die unsichtbar sind. In Critical Mass ist es die radioaktive Strahlung. Fragen nach der Repräsentation beschäftigen mich hier: Welche Bilder kennen wir und was möchte ich sichtbar machen? Gesellschaftlich beziehe ich damit auch eine Position und beteilige mich an den jeweiligen Diskussionen.

Was kommt jetzt? Erlaubst Du uns ein Blick in Dein nächstes Projekt?

Eine neue Serie, an der ich gerade arbeite, beleuchtet westliche liberale Gesellschaften. Diese scheinen mir nicht mehr so sehr durch äußere Einflüsse unter Druck, sondern vielmehr von innen: Populismus und Nationalismus möchte ich nur dazu als Stichpunkte nennen.

 

Interview: Julia Rosenbaum, Mai 2019


Julia Rosenbaum www.juliarosenbaum.com / Michael Danner www.dannerprojects.com / Publikation: MIGRATION AS AVANT-GARDE, Photographs 2008-2017, Verlag Kettler, Dortmund, 2018