Johanna Ruebel

„Diva vor schwarzem Grund“

Johanna Ruebel hat für uns ihre Schatzkiste geöffnet und dort kommen allerhand Dinge zum Vorschein: Polaroids, Pergamentpapier, Steine aller Couleur, Seeigel, Sand, getrocknete Blüten – und manchmal auch ein kleines Buch und in diesem Falle handelt es sich um „Cactaceae“, ein  zauberhaftes Buchprojekt, welches Judith Schalansky zusammen mit den Texten von Judith Zander und den Fotografien von Johanna Ruebel verwirklicht hat.

Im Akt des Denkens (französisch: le cheminement/ das Hindurchschreiten, das Vorangehen) – und hier ist das Hindurchschreiten durch visuelle Gedankengänge gemeint – hat Johanna Ruebel eine starke fotografische Arbeit ans Licht gebracht: „Cactaceae“.

Astrophytum asterias, Blossfeldia liliputana, Echinocactus grusonii oder Opuntia ficus-indica sehen wir formal in ein neues Verhältnis gesetzt und neu interpretiert.

Karl Blossfeldts Vermächtnis schwingt in diesen Schwarz/Weiß-Aufnahmen mit und viele Kakteen bringen ihre ganze Sinnlichkeit mit ein; ihre Anmut, Grazie, Schönheit und auch ihre Störung.

Die Silhouette im Zusammenspiel mit fleischiger Wollust, eine Knolle in weißem Gewand, ein Fuß oder Oberschenkel, all diese Elemente blitzen manchmal auf – mit physischer Kraft, aber auch zierlich, schamhaft oder reizvoll. Einige Kakteen sind ganz flach und wir täuschen uns in unserer Wahrnehmung, wenn wir eine Mondlandschaft, ein Universum, gar eine Welt darin entdecken – manche Kakteen sind eben doch nur eine Scheibe.

Aber der Weg dahin, von einer zweidimensionalen Anmutung bis hin zur dreidimensionalen Wirkung des Bildes, vom vergessenen, fast ausgestorbenem Objekt hin zum objet du désir, das ist ganz allein Johannas Konsequenz zu verdanken: das Sich-Hindurchbewegen zum perfekten Bild.

„Ich sehe diese fotografische Arbeit wie eine Begegnung mit einer besonderen Pflanze“ Johanna Ruebel

Erotisch, und doch statisch. Erzählend, aber doch introvertiert. Wüst, aber mit Dutt. Dornig und dennoch zum Verzehr geeignet. Gefährlich und heilig! Natur pur.

Linien, Kontraste, Details und Formen führen uns in die Tempel – in die Botanische Sammlung von Berlin und in die Sukkulenten-Sammlung Zürich – zwei Heiligtümer und Königreiche der Botaniker. Letztendlich gibt es dort nur eine Diva – „Cactaceae“ – fotografiert vor schwarzem Grund.

 

Nadine Ethner / April 2016


© all images by Johanna Ruebel / „Cactaceae“ edited by Judith Schalansky and Matthes & Seitz Berlin. Text by Judith Zander. Photos by Johanna Ruebel