Jessica Backhaus

Jessica Backhaus gilt als eine der wichtigsten Vertreterinnen zeitgenössischer Fotografie in Deutschland. In ihren Werken erkundet sie Gegenstände und Situationen des Alltags, die oft als banal, unscheinbar oder wertlos betrachtet werden. Auch Backhaus’ neue farbintensive Serien scheinen durchdrungen von einer besonderen Poesie der Stille und Einfachheit. Julia Rosenbaum von StudioVisits, traf Jessica Backhaus in ihrem Berliner Atelier. Ein Gespräch über Loslassen, Mut, Risiko und neue Wege in der Fotografie.

Julia Rosenbaum / StudioVisits: Jessica, in Deinen vorherigen Arbeiten spielten Orte, Erinnerungen, die Suche nach Herkunft und Identität immer eine große Rolle. Dabei scheint die vorletzte Serie „Six Degrees of Freedom“ wie ein Knotenpunkt, an dem viele Elemente Deines Lebens zusammenkommen. Welche Bedeutung hatte diese Serie für dich?

Jessica Backhaus: Diese Serie war definitiv eine wichtige Arbeit für mich. Ich denke, wenn man sich mit seiner Vergangenheit beschäftigt hat, ist es danach auch wichtig loszulassen und sich zu befreien. Während der Jahre, die ich an diesem Projekt gearbeitet habe, hatte ich bestimmte Orte meiner Kindheit und meiner Jugend aufgesucht. Mit meinen Fotografien habe ich versucht, auf symbolische Weise diese Essenz dieser Suche und den jeweiligen Lebensphasen festzuhalten. Der Titel deutet in gewisser Art schon einen neuen Anfang an.

Muss man manchmal ganz loslassen, um etwas Neues zu schaffen?

Ich glaube schon. Das ist ein wichtiger Schritt. Jeder Mensch durchschreitet seine eigenen Entwicklungsphasen. In der Kunst ist es genauso. Als Künstler erlebt man diverse kreative Phasen und es gibt Zeiten, in denen man intuitiv neue Wege beschreitet und viel experimentiert, um dann neue Ausdrucksweisen zu finden. Die Herausforderung ist, dass man sich weiterentwickelt und sich doch auch treu bleibt.

Nun ist ein neues Buch entstanden: „A Trilogy“. Es versammelt drei ganz neue Serien. Als ich die Arbeiten das erste Mal sehen durfte, war ich sprachlos, dass du ganz neue Wege in der Fotografie gehst. Woher kam diese Experimentierfreude, diese neue Kraft und Inspiration?

Genau aus dieser Befreiung. Hinzu kommt, dass ich zu dieser Zeit zum ersten Mal in meinem Leben einen Atelierraum gemietet habe, um dort dann auch zu experimentieren und neue Serien zu realisieren. Der Prozess war ziemlich organisch und zum größten Teil bin ich meiner Intuition gefolgt. Am Morgen wusste ich nie, wo mich die Arbeit hinbringen wird. Über die Jahre habe ich bestimmte Elemente, Objekte und Materialien gesammelt, die ich dann mit meinen Fotografien zusammengefügt habe. Diese neue Art der Kreation finde ich sehr spannend.

Die erste Serie Beyond Blue besteht aus bunten Fäden, die auf farbigen Hintergründen inszeniert werden. Was hat Dich an der radikalen Reduzierung fasziniert?

Dass es genau in dieser radikalen Reduzierung so viele unendliche Möglichkeiten gibt, sei es auch nur, wenn man ganz bewusst mit drei Elementen arbeitet wie ein Stück bunter Faden, ein farbiger Hintergrund und das Sonnenlicht. Ansätze zu dieser Serie gab es schon in Six Degrees of Freedom. Die Leere und der Minimalismus sind auch Themen, die mich in dieser Zeit beschäftigt haben. Hinter den Arbeiten liegt ebenfalls eine Spannung zwischen konkreter Abbildung und Abstraktion.

Besonders in der dritten Serie im Buch, New Horizon, scheinst du noch weiterzugehen und einen ganz anderen Ansatz zu suchen. Du zerreißt deine Fotos, collagierst und setzt sie in Beziehung zu anderen Elementen. Ich stelle mir vor, dass du dich innerlich ganz frei fühlen musstest, um das Neue zu wagen. Wieviel Risiko steckt in dieser spezifischen Serie, aber auch grundsätzlich in deiner Arbeit als Künstlerin?

Das Risiko begleitet dich immer, denn sobald die Arbeiten in die Öffentlichkeit gehen, hast du keinerlei Garantie, wie die Werke von der Kritik und vom Publikum aufgenommen werden. Ich denke, Risiken einzugehen, ist ein ganz wichtiger Schritt im Prozess der Kreation. Man kann nicht nur in Sicherheit baden, wenn man etwas vorantreiben möchte und neue Entwicklungen sucht. Genau dieses Eintauchen in neue Welten, sich auf ungewissen Wegen zu bewegen und neue Anläufe zu nehmen, reizt mich in meiner künstlerischen Arbeit. Seit einigen Jahren schwirrt in meinem Unterbewusstsein die Sehnsucht, neue Wege zu gehen und mein bisheriges Medium – die Fotografie – mit anderen künstlerischen Ausdrucksformen zu erweitern. 

Deine Fotografien sind auf eine sehr ungewöhnliche Art und Weise zeitlos und poetisch. Wie schaffst du diese besonderen Momente?

Dies zu erläutern, fällt mir schwer, denn während der Kreation taucht man in eine ganz besondere, eigene Welt ein und setzt sich mit den unterschiedlichsten Themen auseinander, die sich eigentlich nicht konkret damit beschäftigen, wie die Fotografien wirken. Sie entstehen aus einer Sehnsucht, aus einer Notwendigkeit, aus einer Intuition und aus Gedanken sowie Emotionen. Vielleicht ist es auch ein Geheimnis, dass ich selbst immer wieder versuche zu entdecken.

Das Büchermachen ist ein einzigartiger Prozess für Fotografen. Wie war die Arbeit an „A Trilogy“?

Sie war in vielerlei Hinsicht eine lebendige Zusammenarbeit mit der Designerin Hannah Feldmeier. Wir arbeiten schon seit einigen Jahren zusammen. Dieser Austausch und die Entstehung des Buches in jedem Detail sind mir sehr wichtig. Das Buch ist eine wunderbare Vollendung, wenn man über mehrere Jahre an einem Projekt gearbeitet hat. Es erlaubt einem, das ganze Spektrum der jeweiligen Arbeit vorzustellen. Ausstellungen zeigen leider immer nur eine gewisse Auswahl aus einem Werk. Zudem bleiben Bücher bestehen, wobei Ausstellungen eine vergängliche Eigenschaft besitzen. Jede dieser Möglichkeiten – sei es das Buch als Objekt oder eine Ausstellung – haben ihre ganz eigene Magie.

Nach dieser überraschenden Entwicklung sind viele sehr neugierig, was jetzt kommen wird. Hast du schon Pläne, die du uns verraten möchtest?

In den letzten Monaten habe ich diverse, neue Serien begonnen, aber momentan bin ich mir selbst noch nicht sicher, welche Entwicklungen diese neuen Arbeiten nehmen werden. Alles braucht seine Zeit und ich glaube, dass wir am Ende nur mit der Zeit sehen können, in welche Richtung der Wind weht. Jedenfalls bin ich selbst sehr gespannt, was als Nächstes entstehen wird.

Interview: Julia Rosenbaum, Mai 2018


StudioVisits bieten exklusive Einblicke in Künstlerateliers. Persönliche Gespräche mit Künstlern_innen eröffnen individuelle Perspektiven auf kreative Ideen, Prozesse und Inspirationen.

Julia Rosenbaum www.juliarosenbaum.com / © Jessica Backhaus www.jessicabackhaus.net / Robert Morat | Galerie www.robertmorat.de