Anett Stuth

Seit ihrem Studium bei Timm Rautert beschäftigt sich Anett Stuth intensiv mit der Fotografie und ihren Möglichkeiten. Ein Gespräch in ihrem schönen Berliner Atelier über die Bedeutung und Verdichtung von Zeit in fotografischen Bildebenen sowie ihre neue Freiheit, als Fotografin mit Pinsel und Farbe zu arbeiten. 

Julia Rosenbaum / StudioVisits: In der Serie „Raum-Zeit-Bild“ spielt Zeit eine inhaltliche Komponente, die sich in der Idee der Collage verdichtet. Wie lässt sich diese Arbeit mit Blick auf Dein neues Werk „Fehlfarben“  erklären?

Anett Stuth: Zeit schreitet unumkehrbar voran, unabhängig und unberührt davon, ob wir Zeit in messbare Einheiten einteilen, wie wir Zeit wahrnehmen und wie stark wir die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit für die Zukunft brauchen.

Zeit und Vergänglichkeit spiegeln sich in allen meinen Arbeiten wider und sind darin zentrales Thema. In der Erinnerung, der Wissenschaft und vor allem auch in der Kunst kann man Vergangenes verarbeiten, wieder zum Leben erwecken und mit Gegenwärtigem reflektieren. Durch das Prinzip der Collage konnte ich besonders ab 2003 in meiner Serie „Raum-Zeit-Bild“ unterschiedliche Raum- und Zeitebenen miteinander verbinden sowie eigene und fremde, historische und gegenwärtige Bildmaterialien jeglicher Art in meinen Bildern miteinander kommunizieren lassen. Immer wiederkehrende Themen der Menschheitsgeschichte wie Alltag, Liebe, Tod, Macht und Gewalt konnte ich dadurch inhaltlich verdichten und eigene Bild- und Denkräume schaffen.

Im Gegensatz zu diesen konstruierten, großformatigen Collagen fotografiere ich nun seit 2017 in meiner sich noch im Prozess befindenden neuen Serie „Fehlfarben“ schon vorgefundene Verdichtungen von sehr vielfältigen Bild- und Schriftmaterialien im öffentlichen, realen Stadtraum in verschiedenen Ländern. Diese Areale sind weltweit im Wandlungsprozess. Ganze Stadtviertel mit historischen Häuserschichtungen aus verschiedenen Jahrhunderten fallen besonders in den Stadtzentren der zunehmenden Gentrifizierung zum Opfer, verschwinden gänzlich oder werden oft bis zur Unkenntlichkeit modernisiert. Ich fotografiere diese Zwischenzustände, in denen sich häufig auch nur für kurze Zeit eine lebendige „Off-Szene“ in dieser ohnehin temporären Abriss- bzw. Modernisierungsphase einnistet, aber auch der Verfall und die Baukräne der neuen Investoren schon zu sehen sind.

Zwischen den alten Gebäudestrukturen entstehen oft ebenso kurzlebige Behausungen und Clubs. Neben der ständig größer werdenden Vielfalt von Werbung werden diese auch mit allen erdenklichen Formen von Malerei überzogen: Graffiti, Murals, Schriften, Fotos, Drucke, Grafiken, Comics, Zettel, Gritzeleien und auch immer häufiger Statements jeglicher Art. So bilden diese Orte eine im wahrsten Sinne des Wortes „Bunte Mischung“.

In der Serie „Fehlfarben“  inszeniere ich also nicht selbst, sondern finde real existierende Collagen mit schnell vergänglichem Charakter in der Öffentlichkeit vor. Durch noch ergänzende, kleine eigene Farbeingriffe im Bild bleibe ich der Collage somit generell treu.

Die Fehlfarben zeigen Schichtungen von Architektur, urbaner Architektur, Malerei und Graffiti. Gleichzeitig sind es die historischen Schichtungen, die offen zu Tage treten. Wie bist Du auf dieses Thema gestoßen?

Auf das Thema bin ich einerseits durch mein generelles Interesse an neuen Bildeinflüssen und der damit einhergehenden genaueren Beobachtung der ständig zunehmenden Beschriftung und Bebilderung der Städte gestoßen. Dieses aktuelle Phänomen in den gegenwärtigen Zeiten der medialen Permanenz gab es in dieser massiven Form im öffentlichen Raum, aber auch z.B. auf menschlichen  Körpern, noch nie vorher. 

Andererseits knüpfe ich an frühere Arbeiten wie meiner Diplomarbeit „ortlos“, 1996 oder einem Langzeitprojekt in Hannover von 1998-2000 unter  Leitung von Thomas Weski (Sprengel Museum) an. Damals fotografierte ich sehr konzentriert Architekturlandschaften und beobachtete ebenso bauliche Veränderungen in verschiedenen Stadträumen.

Sind es Porträts unserer Zeit?

Die Arbeiten spiegeln zumindest einen kleinen Ausschnitt unserer Zeit wieder.

Wie bist Du eigentlich in den real existierenden Raum gekommen? 

Unter fotografischen Gesichtspunkten waren auch alle anderen Räume, welche ich vorher fotografiert habe, real existierend; auch gefundenes Material hatte dokumentarische Wurzeln. Ich habe anderweitig gefundenes Material sehr selten verfremdet oder bearbeitet, nur durch die Zusammensetzung von Bildräumen und dem Bildsampling im realen Innenraum zur Collage bekamen die fertigen Bilder eine surreale Anmutung und wurden zum konstruiertem Bild. Dieses vielfältige, temporäre Bildsampling oder aber auch die Leere der Verlassenheit finde ich nun in der neuen Serie „Fehlfarben“  im real existierenden Außenraum ganz authentisch vor.

Was bedeutet der Titel „Fehlfarben“?

Der Titel „Fehlfarben“  ist doppeldeutig und meint zum einen das Fehlen, den Mangel und auch das Vermissen von Farben oder, dass diese Farben gefehlt haben, verweist aber auch gleichzeitig auf die Vergänglichkeit der realen Situation. Zum anderen steht der Titel „Fehlfarben“  auch für falsche, fremde, nicht dazugehörige Farben (z.B. wie bei dem Wortgebrauch: Fehlinterpretation) und zielt auf die heutige Vielfalt oft illegaler Farbeingriffe in den öffentlichen Raum, welcher aus einer konträren Zeitepoche stammt, sowie auch auf meine eigenen Farbeingriffe in den vergrößerten Bildern.

Sind sie als Trilogie angelegt?

Die Arbeit „Fehlfarben“ wird nicht nur durch neue Stadtlandschaften erweitert. Ich erarbeite gerade noch andere Aspekte in Collagenform, mit denen ich mein Thema verdichten kann. So entstehen bewusst lückenhafte Samplings historischer Bildmaterialien sowie die Verbindung persönlicher Fundstücken und der veränderten, teils gebrochenen Vegetation mit dem Wechsel von vorhandener und nicht vorhandener Farbe. Einen weiteren Teil möchte ich auch dem Menschenbild der früheren und der jetzigen Generationen der Stadtviertel widmen. Dabei ist mir vor allem auch die künstlerische wie philosophische Auseinandersetzung mit Vergänglichkeit, dem Verschwinden und dem Fehlen wichtig.

Das gesamte Thema ist so spannend, dass ich mich auf eine Anzahl der Teilgebiete, z.B. der ursprünglichen angedachten Trilogie noch nicht festlegen möchte.

Gleichzeitig geht es auch um den Prozess des Sehens. Durch kleine malerische und zeichnerische Eingriffe, die Du direkt auf die Fotografie machst, werden sie zu Originalen. War es Dir wichtig oder was steckt hinter dieser Geste?

Hinter dieser Geste steckte nie vordergründig die Absicht, Originale zu schaffen, sondern eher eigene, kleine, individuelle Eingriffe in die Bildräume zu machen. Damit kann ich Bildinhalte noch zuspitzen, persiflieren oder auch sinnvolle Brüche einfügen. Da ich die fertigen Fotos auch immer als funktionierende Einzelbilder betrachte und Fehlfarben ja auch Thema meiner Arbeit sind, vervollständige ich die Bilder inhaltlich wie farblich und formal für mich. Deshalb entstehen zwangsläufig Unikate. Die haptische Arbeit mit Pinsel und Farbe, die Konzentration auf Details im Bild und ebenfalls das freie, reine Sehen und Fotografieren in der Öffentlichkeit haben mir unheimlich viel Spaß gemacht. Es sind sehr befreiende und blickschärfende Tätigkeiten.

Denkt man an Deine früheren Arbeiten, fällt auf, dass „Fehlfarben“  ein kleines, sehr handliches Format haben. Welche Funktion steckt dahinter?

Bei mir hat Bildgröße immer eine im Vorfeld durchdachte inhaltliche Funktion. In meiner sehr großformatigen Serie „Raum-Zeit-Bild“ schachtelten sich oft verschiedene Bildräume ineinander. Es war mir wichtig, dass diese Bilder (180 x 250 cm) aus der Entfernung wie auch aus der Nähe für den Betrachter funktionierten, dass auch die kleinsten Bilder im Bild noch sichtbar waren. Viele Betrachter, welche meine Bilder vorher nur von Abbildungen kannten, sind oft ganz erstaunt, was in den Originalen noch alles sichtbar wird, wie lange sie dann meine Bilder betrachten können und immer wieder etwas entdeckten.

Die Stadtlandschaften der Serie „Fehlfarben“ habe ich ebenfalls ganz bewusst in einer kleinen Größe (40 x 32 cm) ausgearbeitet. Das unterstreicht auf der einen Seite ihren fragilen, schnell vergänglichen, individuell vielfältigen Charakter. Auf der anderen Seite ist dadurch eine Blockhängung mit sehr vielen unterschiedlichen Stadtlandschaften aus der ganzen Welt möglich und hebt dadurch auch besonders die weltweiten ähnlichen Entwicklungen im städtebaulichen Raum vor allem in den Zentren der Metropolen hervor. Es gibt daher auch in der Arbeit „Fehlfarben“ in erster Linie einen inhaltlichen Grund für die gewählten Größen. 

Zeit als Gegenstand der Fotografie ist nicht zuletzt durch Ikonen wie z.B. von William Eggleston oder Hiroshi Sugimoto in die Kunstgeschichte eingegangen. Was bedeutet Dir das Thema in Deiner künstlerischen Auseinandersetzung? 

Meine frühe Auseinandersetzung mit dem Thema Zeit und Tod ist sicher Ausgangspunkt für alle meine künstlerischen Arbeiten. Meine Stillleben-Serie „Heute ist Vergangenheit“, 2006 beginnend, thematisiert nicht nur im Titel u.a. auch den fotografischen Aspekt von Zeit. So ist jedes entstandene Bild unmittelbar nach seiner Entstehung auch ein Bild der Vergangenheit. So sind z.B. alle Objekte auf den entstandenen Stillleben schon verwelkt, verdorben oder gegessen. In der Arbeit „Verwandlung“, 2007, thematisiere ich Vergänglichkeit, Verschwinden und den Zerfall in andere Materialien. Unterschiedliche Wahrnehmungen von Zeit und schmerzliche Erfahrungen, dass Zeit und Tod unumkehrbar sind, flossen immer schon in meine Arbeiten ein. Ebenso wenig können geschichtliche Entwicklungen rückgängig gemacht werden. Man kann nur aus der Geschichte lernen. Das Arbeiten mit Materialien aus Historie und Gegenwart sowie eine zeitgenössische Auseinandersetzung damit waren mir darum sehr wichtig. Starke künstlerische Arbeiten sind immer zeitgenössisch und zeitlos zugleich.

Du zeigst uns Orte vor der Gentrifizierung. Schwingt in Deiner Serie „Fehlfarben“  auch immer eine Melancholie eines vergangenen Moments mit oder sind sie eher als dokumentarisch zu verstehen?

Das eine schließt das andere nicht aus. Die Arbeiten sind dokumentarisch und ebenso individuell. Wenn man das Verschwinden thematisiert, gleich ob mit dokumentarischen oder inszenierten Mitteln, gibt es sicher immer auch sehr melancholische Momente und das spiegelt sich natürlich auch in den Bildern wider. Melancholie ist dennoch nicht die Haupteigenschaft meiner Arbeit oder meiner Person. Ich liebe dagegen sehr guten Humor als einen wunderbaren Ausweg aus dem Drama.

Wie sehr magst Du auch das Experiment? Welche Bedeutung nimmt das Einlassen auf etwas Neues in Deinem Werk ein?

Das ganze Leben ist ein Experiment und das Scheitern ist stets in greifbarer Nähe. Inhalte und Wege heiligen die Mittel. In meiner Studienzeit waren das Experimentieren und das Inszenieren eher verpönt. Farb- und Schwarz-Weiß-Fotografie zu mischen galt schon als Affront. Zeitgleich liefen die Diskurse darüber, ob Fotografie auch Kunst sein kann. Dabei erklärten sich Malerei und Fotografie abwechselnd und gegenseitig für tot. Da meine Obrigkeitshörigkeit noch nie sonderlich ausgeprägt war, meine Neugierde dagegen schon und auch meine Liebe zu anderen Kunstrichtungen immer sehr groß war, fing ich bereits während meines Studiums an zu experimentieren. Anfänglich noch aus der Fotografie-Richtung, mit dokumentarischem Stil kommend, mischte ich in meiner Meisterschülerarbeit „Worldmaking“ von 1998 eigene Videostills mit Modellskizzen und Zeichnungen. In der darauffolgenden Serie „Natur/Kultur“ aus dem Jahr 2000 verband ich Ausschnitte aus klassischer Malerei, Werbung und eigener Fotografie zu brüchigen Landschaftspanoramen. Letztendlich mischte ich dann auch sehr gern zeitidentische, farbige und schwarz-weiße Bildmaterialien aus allen medialen Bereichen und aus verschiedenen Jahrhunderten innerhalb einzelner Bilder in der Serie „Raum-Zeit-Bild“ und fand dabei zu meinem eigenen Arbeitsstil. Ich hatte auch im Vorfeld immer ein ausgearbeitetes Konzept und sehr klare Bildvorstellungen im Kopf. Manchmal gingen diese Bildvorstellungen natürlich auch „in die Hose“ und haben zu längeren Lachkrämpfen geführt. 

Ich habe es aber immer schon für eine große Dummheit gehalten, andere Kunstgattungen und Arbeitsweisen auszuschließen oder zu stigmatisieren. Ich mag klassische Positionen genauso wie alle anderen Stilformen, wenn sie einen starken Inhalt und eine gute Haltung transportieren. Die Vielfalt in der Kunst und im Leben ist doch das Wunderbare! Ich selbst bin sehr experimentierfreudig, allerdings verfolge ich damit auch immer inhaltliche Erweiterungen und keine Effekthaschereien. Verfremdungen und Verfälschungen sind mir dabei eher zuwider. Das Experiment ist für mich wie ein Boot, um an neue Ufer, zu neuen Erkenntnissen zu gelangen.

Du arbeitest gerade auch an dem neuen Projekt „Repeats“. Kannst Du uns bereits mehr über die Arbeit verraten?

Im Moment bin ich zwar stark mit der Serie „Fehlfarben“  beschäftigt, aber arbeite immer schon an den nächsten Ideen parallel dazu. Ich habe mir jetzt erst einmal für diese nächste Arbeit „Repeats“, einem mehrteiligen Videoprojekt, die Technik besorgt und bringe mir gerade das notwendige „Know-how“ bei. Ich möchte darin Wiederholungen von immer gleichen, oft alltäglichen Bewegungsabläufen thematisieren. Das Prinzip der Collage werde ich auch bei filmischen Umsetzungen meiner Ideen beibehalten.

 

Interview: Julia Rosenbaum, November 2018


StudioVisits bieten exklusive Einblicke in Künstlerateliers. Persönliche Gespräche mit Künstlern_innen eröffnen individuelle Perspektiven auf kreative Ideen, Prozesse und Inspirationen.

Julia Rosenbaum www.juliarosenbaum.com / © Anett Stuth www.anettstuth.de  / Galerie Kleindienst www.galeriekleindienst.de